Zur Geschichte des Remigiuslandes
Die Entstehung der einstigen Benediktinerpropstei und der dazugehörigen Kirche, die sich - wenn auch nur als Torso - über die Jahrhunderte retten konnte, ist der Tatsache zu verdanken, daß diese Region schon einige Jahrhunderte vor der Errichtung unserer Propstei als 'Remigiusland' dem Erzbistum Reims einverleibt worden war. Der Zeitpunkt dieses Landerwerbs lässt sich jedoch nicht genau bestimmen, da keine originale Urkunde vorliegt, die den Eigentumsübergang an das Bistum Reims belegen könnte.
Die lange Zeit vorherrschende Auffassung, daß bereits der Frankenkönig Chlodwig anlässlich seiner Bekehrung zum Christentum im Jahr 496 das Gebiet um den Remigiusberg aus Dankbarkeit seinem Täufer, dem Erzbischof Remigius von Reims zum Geschenk gemacht habe, darf mit Sicherheit in den Bereich der Legende verwiesen werden.
Der Besucher des Remigiusberges, dem die historischen Hintergründe des Remigiuslandes nicht vertraut sind, könnte allerdings leicht in die Irre geführt werden, wenn er auf der Burgruine hundert Meter östlich von der Remigiuskirche die Inschrift auf dem dort befindlichen Gedenkstein entziffert: "Dem heiligen Remigius, Bischof von Reims, dem Bekehrer des ruhmreichen Frankenkönigs Chlodwig, dem Verkünder des göttlichen Wortes in den umliegenden Gauen."
Auf diesem, im Jahre 1853 errichteten Gedenkstein manifestierte sich die irrige These des vorigen Jahrhunderts, der heilige Remigius habe in dieser Region persönlich missioniert.
Die heutige Geschichtsforschung ist sich sicher, daß der Missionar der Franken nie unseren Raum betreten hatte und die Landschenkung auch nicht in die Regierungszeit des König Chlodwig datiert werden darf.
Es würde jedoch zu weit führen, den Nachweis erbringen zu wollen, warum wir sicher annehmen dürfen, daß das "Remigiusland" als eine fränkische Landschenkung in der Zeit zwischen 575 und 595 in den Besitz des Reimser Bistums übergegangen sein müsste.
Die Sicherung dieser Fernbesitzungen brachten dem Bistum Reims spätestens nach der Reichsteilung von Verdun im Jahr 843 große Probleme. Trotz steter Erneuerungen der Besitzansprüche durch die weltlichen Machthaber in Form von Restitutionsurkunden blieb der Fernbesitz der Reimser Kirche nicht von Eingriffen und Übergriffen weltlicher Potentaten verschont.
Abhilfe versprach man sich durch die Beauftragung von Schutzvögten, die mit der Wahrnehmung der weltlichen Verwaltung des Kirchenbesitzes beauftragt wurden und helfen sollten, die Interessen des fernen Reimser Erzbistums nachhaltiger zu sichern.
Doch es sollte sich bald zeigen, dass die Schutzvögte weitaus stärker bestrebt waren, in die eigene Tasche zu wirtschaften, als dem fernen Erzbischof zu helfen, seine verbrieften Rechte zu wahren. Durch die Inanspruchnahme dieser Schutzvögte waren die Reimser Bistumsherren gleichsam vom Regen in die Traufe gekommen.
Wen wundert es, daß irgendwann ein frustrierter Erzbischof auf die Idee kam, die leidigen Sorgen wegen des etwa 220 qkm großen Fernbesitzes Remigiusland im (deutschen) Ausland auf andere Schultern zu verteilen. Und so übereignete Erzbischof Artold (= Arcoldus) schließlich das ferne Remigiusland der Benediktiner-Abtei St.Remigii bei Reims, welche nach der Mitte des 8.Jahrhunderts gegründet worden war, um der Abtei die Möglichkeit zu geben, ihre Einkünfte zu verbessern. Diese Schenkung dürfte Mitte des 10.Jahrhunderts erfolgt sein.
Aber auch die neue Besitzerin, die Benediktiner-Abtei in Reims, stand alsbald vor dem schwierigen Problem, wie sie das Remigiusland effektiv nutzen könne. Sie hatte nun eine Enklave in einem ausländischen Bistum, auf deren Gefälle sie einen verbrieften Anspruch hatte. Inwieweit allerdings der Abtei die ihr zustehenden Erträgnisse zuflossen, hing sicher vom Gutdünken des jeweiligen Schutzvogtes ab, und um deren Moral war es, wie wir bereits feststellen mussten, nicht immer zum Besten bestellt. Sicher floss mehr an Erträgnissen in die Keller und Scheunen des gräflichen Vogtes, als an den Konvent in Reims. Die permanenten Bemühungen der Äbte bei Königen, Päpsten und Bischöfen um Verbriefung ihrer Rechte scheinen zu belegen, daß die Schutzvögte im Remigiusland nicht unbedingt den Hoffnungen und Erwartungen der Abtei in Reims gerecht wurden.
Diese Probleme führten wohl bald dazu, daß die Abtei Reims die unmittelbare Präsens im Remigiusland anstrebte, um die Gefälle gleich vor Ort verwerten zu können. Und so war es bis zur Gründung einer Reimser Niederlassung im Remigiusland wohl nicht mehr weit.
Bei der Suche nach einem geeigneten Platz für eine solche Niederlassung hätten sich in dem rund 220 km² großen Remigiusland sicher verschiedene Orte angeboten.
Vertrauen wir der Aussage des Erzbischof Adelbert von Mainz in einer Urkunde vom 6. Oktober 1127, in der er bestätigte, daß die Klostergründung mit seiner Zustimmung erfolgt sei, so wurde die Entscheidung für den Standort Remigiusberg eigentlich aus der Not geboren. Wie sich dieser Urkunde entnehmen lässt, hatten bereits vor geraumer Zeit räuberische Adlige auf diesem Berg, der damals noch nicht Remigiusberg hieß, widerrechtlich eine Burg erbaut.
Danach schien den Mönchen gar keine andere Wahl zu bleiben, als sich in die Höhle des Löwen zu wagen, um die Raubritterburg auf dem Remigiusberg, dieses Fanal des Rechtsbruch, zu beseitigen.
Nach harten Verhandlungen dürfte es den Reimser Mönchen schließlich gelungen sein, den adeligen Raubrittern den Bergrücken samt der darauf errichteten Burg für schweres Geld abzukaufen, um anschließend hier ihr Kloster zu errichten.
Die von der Not diktierte Standortwahl für die neue Propstei scheint jedoch gar nicht so schlecht gewesen zu sein. Denn die topographischen Verhältnisse des Remigiusberges erlaubten den Mönchen immerhin, etliche Kilometer ihrer östlichen Besitzgrenze entlang des Glans von hier oben wachsam im Auge zu behalten, um eventuellen neuen Gefahren rechtzeitig begegnen zu können. Denn dass man sich auf die Schutzvögte - wie bereits die Vergangenheit zeigte und die Zukunft noch zeigen sollte - nicht so recht verlassen konnte, dürfte den Reimser Benediktinern klar gewesen sein.
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